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Sonntag, 23. November 2008

Dilemma ...

Mein Verhältnis zu Tieren ist etwas gespalten. Einerseits liebe ich alles, was kreucht und fleucht, anderseits habe ich sie zum Fressen gern. Diese gefühlte Diskrepanz habe ich mir klein geredet, um mein Gewissen zu beruhigen, denn schließlich esse ich nur anonymes Fleisch, keines, welchem ich einen Namen gegeben hätte auf dieselbe Weise rechtfertigen wohl auch eigentlich treue Männer einen Besuch der Herbertstraße.

Im Selbsterlegen oder Töten meiner nicht vegetarischen Speisen bin ich sonderbar untalentiert, um nicht zu sagen, äußerst feige. Erschwerend kommt hinzu, dass ich keinerlei Ehrgeiz besitze, diesem Manko Abhilfe zu schaffen, indem ich z.B. wie meine Freundin, einen Jagdschein unter seelischen Anstrengungen und gelegentlichen Magenproblemen erwerbe, um im Morgengrauen waidmännisch korrekt im Nebel auf dem Feld am Waldesrand zu kauern, um Bambi in aller Herrgottfrühe den Garaus zu machen, ihm den Bauch aufzuschlitzen und seine Eingeweide dem Rest der Waldbevölkerung zum Fraß zu überlassen, auch wenn die gestorbene Hülle noch so gut schmeckt.

Ich lebe ganz gut mit dieser Tötungsfeigheit, erst recht, da ich noch andere menschliche Makel mein eigen nenne, wie zum Beispiel diese absolut lästige Harmoniesucht. Eine wirklich in fast allen Lebenslagen unglückliche Eigenschaft mit Auswirkungen, die eigentlich niemand haben möchte. Aber egal, das ist jedenfalls der Grund, warum ich das Töten an sich meist anderen überlasse und mich nur völlig schuldlos und mit reinem Gewissen an den Resultaten erfreue.

Nur einmal kam ich in diese verhängnisvolle Situation, dass ich dem Lauf der Natur mit eigener Hand nachhelfen sollte und ich kläglich versagte, was mich heute noch in meinen Träumen verfolgt. Denn anstatt diese selbst gefangene Flunder mit einem gezieltem Schlag gegen die Reling von ihrem Leiden zu befreien, habe ich sie elendig in der Eisbox erfrieren lassen. Man sollte sich mich nicht zum Feind machen, meine Morde sind langsam und qualvoll. Na ja, geschmeckt hat es trotzdem.

Aber zurück zum eigentlich Problem: Auch wenn es sich nicht immer vermeiden lässt, ich töte nicht gern, jedenfalls nicht mit eigener Hand jetzt mal abgesehen von den gelegentlichen Kettensägenmassakern. Dafür gibt es schließlich professionelle Henker ausgebildetes Fachpersonal. Und genau dieses habe ich letzte Woche beauftragt, mir einen Fasan zu besorgen, den ich dann unter Zugabe von geheimen Kräutern und ordentlich Hitze, in ein schmackhaftes Mahl verwandeln wollte. Schon allein, weil ich endlich einen schweren, gusseisernen Topf für ein halbes Vermögen erstanden habe, der ja auch nicht so nutzlos herumstehen soll.

Gut, soweit. Jetzt habe ich das tote Tier hier und es sieht nicht so aus, als ob es jemals eine köstliche Speise werden würde, denn es hat auch einen Makel: es hat noch einen Kopf. Einen sehr schönen sogar mit sehr bunten Federn, die wohl auch der Grund waren, warum seine Feinde ihn doch in seinem Lebensraum entdeckt haben, dabei wollte er doch nur seine Geliebte damit beeindrucken. Dumm gelaufen. Tja, das mit der Liebe ist ja sowieso immer etwas schwierig und durchaus mit Gefahren an Leib und Seele verbunden.

Das wusste ich aber schon vorher und man muss es mir nicht unbedingt so bildlich noch einmal vor Augen führen. Darauf verzichte ich gerne. Und auf Nachfrage bei dem Mann in der anderen Stadt, wie man dem Dilemma denn ohne seelischen Schaden entkommen könne, kam der einfache Rat: „Abhacken!“ Danke.

Gut, ich geh dann mal in die Küche und stelle mich der grausamen Natur ...

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