Weihnachtsvirus ...

Die alljährliche Bahnfahrt an Weihnachten in die Heimat zu der lieben Familie artet normalerweise bei mir jedes Mal zu einem mittleren Desaster der Marke "Selbst Schuld! Stufe 3" aus, weil außer mir auch alle anderen Menschen aus meiner Gegend Richtung Süden fahren, um ihre Geschenke persönlich zu überreichen. Ich weiß auch nicht, wieso ich am Bahnhof immer rennen muss, um den Zug des Grauens überhaupt zu erwischen. Jedes Mal...

Aber dieses Jahr war es anders:
Überraschender Weise habe ich es geschafft, eine Minute vor Zugabfahrt am Bahnhof zu sein und sogar einen der von mir bevorzugten Einzelplätze zu finden, bei denen man nicht so schnell Gefahr läuft, die unrühmliche Lebensgeschichte irgendwelcher Prinzen oder sonstwie in bunten Blättern abgebildeten Wesen diskutieren zu müssen, sondern sich nur bei Überfüllung des Zuges mit dem Kopf in Gesäßhöhe der schwankenden Sitzlosen zu befinden. Egal, die bleiben wenigstens stumm. (Vorsatz für das nächste Jahr: Keine Schachtelsätze mehr!)

Dann sah ich den ersten Jüngling, der einer älteren Dame half, ihren Sitz zu finden und ihr Gepäck zu verstauen. Da dachte ich noch: "Sieh an. Es gibt sie noch. Die Höflichkeit." Mit dieser Erkenntnis kam mir beim zweiten jungen Mann mit fremder Oma im Schlepptau auch nichts komisch vor. Beim dritten überlegte ich kurz, ob es immer ein und derselbe wäre, verwarf den Gedanken aber wieder. Beim vierten und fünften fing ich an, mich doch etwas zu wundern, ob der plötzlich verbreiteten Liebe zwischen den Generationen, die normalerweise bestenfalls ein Kopfschütteln für einander übrig haben.

Jüngling Nr. 6 wurde aus Ermangelung von wachen, kräftigen Männern von Oma Nr. 6 aus seinem friedlichen Schlaf gerissen, um ihren tonnenschweren Koffer in die oberen Fächer zu bugsieren. "Darf ich Sie bitten, mir den Koffer dort hoch zu stellen?" schüttelte sie an ihm rum. Der noch Träumende hatte anscheinend eine gute Erziehung genossen, so dass er noch im Halbschlaf antworten konnte: "Bitten? Um Himmelswillen NEIN!! DAS ist doch eine Selbstverständlichkeit!!!"

Inzwischen war unser "Lovetrain" so überfüllt, dass Nr. 7 Ömchen nicht nur zu seinem Platz führen konnte, sondern auch für sie eben diesen Platz hergeben musste, was aber mit einem Lächeln kommentiert wurde: "Wie gut, dass ich so jung bin, da macht es mir nichts aus, zu stehen." Sprachs und stellte sich hinter meinen Sitz, sodass er bequem in meiner Zeitung mitlesen konnte.

Inzwischen wunderte mich nichts mehr. Musste das Weihnachtsvirus oder so etwas in der Art sein.

Neben mir auf dem Boden saß ein Mädchen und löste Kreuzworträtsel. Jedes Mal, wenn jemand umständlich über sie hinweg kletterte, lachte sie prophylaktisch alle Menschen in ihrer näheren Umgebung herzallerliebst an und alle lächelten zurück. Jedes Mal. Weihnachtsvirus halt ...

Dieses schlug sich auch in der Sprache nieder:

Der überaus freundliche Schaffner bat mich um Nachsicht für seine defekte Schaffnerzange mit den Worten: "Verzeihen Sie mir, dass ich mich bei Ihnen so blass verewigt habe."

Und als er bei seinem zweiten Durchgang das lachende Mädchen nicht mehr auf dem Boden des Ganges vorfand, sich suchend umschaute und sie endlich auf einem frei gewordenen Sitzplatz entdeckte, flötete sie: "Ich bin auferstanden!"

Ach ja, ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass die Servicejungs mit ihren Getränkewagen so hinreißend charmant waren, dass ich sie am liebsten behalten hätte. Ähem, beide (ja ja – ich weiß, so etwas ist kein politisch korrekter, schon gar nicht weihnachtlicher Wunsch). Einer von ihnen bot mir sogar seinen eigenen Proviant an, da ihm die verbliebene Auswahl in seinem Wagen wohl nicht reichhaltig genug erschien.

Zum Schluss wunderte ich mich eigentlich nur noch darüber, dass die mitgeschleppten Geschenke nicht hier und jetzt untereinander verteilt wurden. Aber auch ohne diesen Sympathiebeweis war es eine höchst verwunderliche Bahnfahrt.

(Auf der Rückfahrt saß ich die ganze Strecke neben einer Nonne, die völlig vertieft in ein Buch mit dem Titel "Begriffe in der Praxis der Traumdeutung" war. Amen.)




Leider wird sich dieses Weihnachten aus anderen, zutiefst traurigen Gründen in mein Gedächtnis brennen.

Spendenkonten hier bei Lu und hier bei Eriador und bei vielen anderen, die die Dinge beim Namen nennen können (was ich leider nicht kann) ...
2464
creature - 2004-12-29 16:53

schön was so im menschen steckt wenn er will, könnt doch immer so sein, was spricht dagegen?

Desideria - 2004-12-29 17:19

Schön wär's schon.
Probieren wir es halt mal ...
Synopso - 2004-12-30 13:40

nicht probieren! machen!
Desideria - 2004-12-30 14:56

Du hast ja vollkommen recht:

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!

(habe schon angefangen ...)
Lawyerzwelgje - 2004-12-30 03:50

Weihnachten musste schon so verlaufen, damit gut gespendet wird.

Desideria - 2004-12-30 20:04

Da beisst die Katze sich wohl in den Schwanz ...
hidden_mask - 2004-12-30 20:15

dein weihnachtsvirus liest sich wie eine geschichte aus einem schönen büchlein. ich finde es ist witzig und nett. wohltuend zu wissen, das es auf einem fleck so viele liebe leute gibt und menschen, denen es auffällt, es beobachten und sich daran erfreuen.
schade, dass dieses weihnachten nicht überall auf dieser welt so friedlich und schön verlaufen ist.

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