Tagebuch
Du solltest deine äußere Erscheinung nie in die Hände von Jemand geben, der keinerlei Kenntnis von deinem verruchten Vorleben, deiner exzessiven Freizeitgestaltung oder deines für dich ganz normalen Alltagsleben hat. Der auch noch denkt, dass er durch seine nicht vorhandene Vorstellungskraft, aber durch seine jahrelange Routine, trotz seines jugendlichen Alters, und die monotone Schicksalsberieselung der anderen Unglücklichen, dir seiner Traumfrau wenigstens auf dem Kopf näher zu kommen gedenkt. Sobald dir auch nur der leiseste Verdacht kommt, dass dein Friseur nicht schwul sein könnte: Fliehe! Sofort! Wenigstens, wenn du ein weibliches Wesen bist…
So langweilig gefällig habe ich noch nie ausgesehen, als hätte ich mein Leben umsonst ohne Spuren zu hinterlassen, gelebt. Welch schrecklicher Gedanke… ich werde wohl als Korrektur selbst Hand anlegen müssen und ein paar Voodoowünsche gegen die frisierende Zunft schicken, damit man wenigstens ahnen kann, was in mir steckt…
Desideria - 2008-01-16 21:15
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Früher haben mich schon minimale metrologische Unpässlichkeiten daran gehindert, meine körperlichen Ertüchtigungen in freier Natur auszuüben und mein innerer Schweinehund rieb sich jedes Mal triumphierend die Hände. Heute nutze ich einfach seine ihm eigene Trägheit und überliste ihn, indem ich zu einer so unmenschlichen Zeit losrenne, dass er gar keine Zeit hat, Einspruch zu erheben. Selbst wenn mir der Meteorologe im Fernseher die 4° minus als gefühlte 15° minus wegen des leichten Orkans verkaufen will, hält mich das nicht davon ab, in den stockdunklen Park zu biegen, wozu habe ich schließlich diese teuren Hightech-Klamotten, die wie auch immer den Wärme- und Flüssigkeitsaustausch zwischen mir und meiner Umwelt automatisch und zu meiner Zufriedenheit regeln.
Also alles kein Problem, wenn mich da nicht eine Winzigkeit immer wieder auf Höchste irritieren würde: ich habe keinerlei Bedenken, wenn mir zu dieser nachtschlafenden Zeit dunkle Gestalten mit Hund oder ohne entgegenkommen, die werden ähnliche Zeitplangründe wie ich haben, aber wenn ich in einem stockdunklen Park hinter mir schnelle Schritte höre, löst das bei mir noch immer, trotz besseren Wissens, so eine Art Fluchtreflex mit leichten Panikschüben aus, den ich aber nicht richtig ausleben kann, schließlich renne ich ja schon. Blöd, ich weiß, scheint aber als so eine Überlebensstrategie aus der Steinzeit immer noch in meinen Instinkten verankert zu sein. Mit Logik kommt man da auch nicht weiter, da hilft nur pokern und so tun, als wenn nichts wäre. Ich hoffe, das legt sich bald. Spätestens, wenn es auch frühmorgens hell sein wird …
Desideria - 2008-01-03 12:04
1203
Ein Wind weht von Süd
Und zieht mich hinaus auf See!
Mein Kind, sei nicht traurig,
Tut auch der Abschied weh.
Mein Herz geht an Bord
Und fort muß die Reise gehn.
Dein Schmerz wird vergehn
Und schön wird das Wiedersehn!
Mich trägt die Sehnsucht
Fort in die blaue Ferne.
Unter mir Meer
Und über mir Nacht und Sterne.
Vor mir die Welt,
So treibt mich der Wind des Lebens,
Wein' nicht, mein Kind,
Die Tränen, sie sind vergebens.
La Paloma ohe -
Einmal muß es vorbei sein!
Nur Erinn'rung an Stunden der Liebe
Bleibt noch an Land zurück.
Seemannsbraut ist die See,
Und nur ihr kann ich treu sein.
Wenn der Sturmwind sein Lied singt,
Dann winkt mir der Großen Freiheit
Glück!
Wie blau ist das Meer,
Wie groß kann der Himmel sein!
Ich schau' hoch vom Mastkorb
Weit in die Welt hinein.
Nach vorn geht mein Blick,
Zurück darf kein Seemann schau'n.
Cap Horn liegt auf Lee,
Jetzt heißt es auf Gott vertrau'n.
Seemann, gib acht!
Denn strahlt auch als Gruß des Friedens,
Hell in der Nacht
Das leuchtende Kreuz des Südens,
Schroff ist das Riff
Und schnell geht ein Schiff zugrunde.
Früh oder spät
Schlägt jedem von uns die Stunde.
La Paloma ohe -
Einmal wird es vorbei sein!
Einmal holt uns die See,
Und das Meer gibt keinen von uns
Zurück.
Seemannsbraut ist die See,
Und nur ihr kann ich treu sein.
Wenn der Sturmwind sein Lied singt,
Dann winkt mir der Großen Freiheit
Glück!
Desideria - 2007-12-26 16:17
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Ich könnte heulen. Warum muss ich als bekennende Weihnachtshasserin eigentlich immer den Part des Weihnachtsmanns übernehmen und für unsere geschätzten Geschäftspartner die Geschenke besorgen? Jedes Jahr dasselbe Drama. Originell sollen sie sein, bei allen Schreie des Entzückens auslösen und bitte schön: nichts kosten bezahlbar sein. Ein Ding der Unmöglichkeit. Also renne ich mit Millionen anderen griesgrämig dreinblickenden Präsentsuchenden durch die mit blinkenden Bretterbuden voll gestellte Innenstadt und hoffe inständig, dass sich irgendjemand schon vor dem Fest darüber Gedanken gemacht hat, wie das ultimative Geschenk aussehen könnte, das nun wirklich jedem gefällt, und es gerade hier fertig zusammengesetzt zum Verkauf feilbietet. Ein sehr frommer Wunsch.
Aber ich habe aus den vergangenen Jahren gelernt und beginne die Schreckenssuche mit einem schnellen Abstecher in meinen Lieblingsladen, um eventuell etwas zu erstehen, was weder jedem gefallen muss, noch billig ist, sondern nicht nur mir spitze Entzückensschreie entlockt. Das ist ein bewährtes Mittel meine Laune zu heben und etwas toleranter den schubsenden Menschenmassen da draußen zu begegnen, anstatt mir massenmordener Weise den Weg zu bahnen. Diesmal hatte ich das äußert seltene Glück, dass ein mir unbekannter Designer wohl von meinem Körper geträumt hat, als er dieses traumhafte Abendkleid entwarf. Meine Freude darüber war so groß, dass jetzt, da dieser Traum endlich seinen Weg zu mir gefunden hat, ich den Preis dafür bezahlen muss dass Geld keine Rolle mehr spielt.
So auf Seeligkeit getrimmt, kann ich mir nicht vorstellen, dass auch nur einem Einzigen mein Geschenk nicht gefallen könnte und erwerbe, ohne Rücksicht auf Verluste, sündhaft teure Pralinen aus dunkler Schokolade und Chili für alle. Das treibt einigen bestimmt vor Freude das Wasser in die Augen und originell ist es auch. Schließlich bekommt man zu Weihnachten höchst selten Schokolade etwas Scharfes geschenkt …
Desideria - 2007-12-10 16:55
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Da meine zwei sehr formschönen, aber leider nicht funktionstüchtigen Wecker im Moment nur meinen Elektroschrotthaufen verschönern (ich werde diesen irgendwann mit Klarlack übergießen oder mit einem Heißluftgerät zu einem Kunstwerk zerschmelzen, das den Aufstieg und Fall der „form follows function“-Idee der letzten Jahrzehnte dokumentiert), benutze ich als Übergang die Weckfunktion meines Mobiltelefons, um mich von den nächtlichen Träumen zu verabschieden.
Immerhin hat das den Vorteil, dass dieses Ding weiß, wann Wochenende ist und dann stumm bleibt, außerdem kann man verschiedenen Melodien auswählen, damit die morgendliche Schockwirkung nicht zum plötzlichen Herzstillstand führt. Ich persönlich empfinde es als angenehm, verschiedene Klänge bestimmten Situationen zuordnen zu können, sodass ich nicht bei jedem sirenenartigen Geräusch denke, ich müsste jetzt fluchtartig das Gebäude verlassen, weil gerade irgendjemand das Haus abfackelt, obwohl nur die Tür des Kühlschrankes zu lange offen stand.
Gestern Nacht allerdings kam ich doch ein wenig durcheinander, weil ich zwar von meiner Weckmelodie erwachte, diese sich aber trotz grober Gewalt nicht an meinem Handy eliminieren ließ. Ein hinterlistiger Imitator musste in der Wohnung sein Unwesen treiben. Schlaftrunken und nicht gerade hocherfreut über die nächtliche Störung, suchte ich im Dunkeln dem Ton folgend nach dem Übeltäter bis ich vor meinem Festnetztelefon stand, das mich wild anblinkte und immer noch meine Weckmelodie sang. Der Pawlowsche Effekt funktioniert ja nicht nur bei Hunden.
Vielleicht gab es irgendwann mal einen tieferen Sinn, dass ich glaubte, nächtliche Anrufe, die ja selten etwas Gutes bedeuten, mit meiner eigentlichen Weckmelodie zu programmieren, so als ob ich Feuerwehrfrau, Notärztin oder Kiez-Schlosserin für plötzlich nicht mehr zu findende Handschellenschlüssel wäre. Den wirklichen Grund konnte ich mitten in der Nacht nicht mehr so recht nachvollziehen, deshalb nahm ich das blinkende Ding in die Hand und sagte einfach: Hallo?!
Dummer Fehler, aber dafür wurde mir sofort wieder klar, warum man bei überraschenden, mitternächtlichen Anrufen besser hellwach sein sollte und deshalb eine Weckrufmelodie durchaus ihre Daseinsberechtigung hat, besonders wenn der Anrufer von der anderen Seite des Planeten sehr wohl noch hell und dunkel unterscheiden kann.
„Willst du mich heiraten?“
„Um Himmels Willen: Nein!“
„Wieso denn nicht?“
„Ich will weder deinen Brand löschen, noch deine Wunden heilen oder dich aus einengenden Situationen befreien müssen.“
„Nein?“
„Nein!“
Schließlich habe ich genug eigene Probleme …
Desideria - 2007-11-16 19:14
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Da ich gestern schon in meiner Vergangenheit stöberte, wollte ich das auch gleich mit dem Entsorgen alter Mails verbinden. Dabei stieß ich auf eine sehr nette Anfrage via Flickr eines mir Unbekannten, der einige meiner
Fotos kaufen wollte, um damit die Konferenzräume seines Unternehmens schmücken zu können. Ich solle ihn doch bitte dazu anrufen. Ich weiß nicht mehr, warum damals doch nichts aus dem Deal geworden ist, aber ich weiß jetzt, warum mir der Name meines neuen Nachbarn gleich irgendwie bekannt vorkam. Nun habe ich nicht nur seine Handynummer, sondern ich weiß auch, wo er wohnt …
Desideria - 2007-11-14 13:26
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Im Grunde meines Wesens bin ich eine Chaotin, die sich dafür hasst, obwohl Herr Mandelbrot sicher seine wahre Freude an meinen Versuchen, Ordnung in mein Chaos zu bringen, gehabt hätte und er womöglich noch auf andere Theorien gekommen wäre. Jeden Tag aufs Neue nehme ich mir vor, diesem nicht zu ertragenen Zustand ein Ende zu bereiten. Und zwar mit System. Um dabei nicht den Überblick zu verlieren, schreibe ich lange Listen mit den Dingen, die der dringenden Änderung in meinem Leben bedürfen. Die aufgezählten Zeitfresser reichen von „mit allmorgendlichem Joggen beginnen“ über „Wohnung renovieren“ bis hin zu „Katzenfutter kaufen“ oder „Blumen gießen“. Je länger ich darüber nachdenke, desto unübersichtlicher wird diese Aufzählung. Also ordne ich erstmal die zu modifizierenden Lebensumstände auf dem Zettel nach Priorität. Das ist gar nicht so einfach, denn inzwischen ist es zum Laufen schon wieder zu spät, obwohl das wirklich an oberster Stelle stehen sollte. Nun dann übertrage ich eben die Aufstellung auf den Computer, um die Dringlichkeit der einzelnen Punkte durch blinkende Piktogramme, verschiedene Punktgröße und unterlegter Farbe visuell zu unterscheiden. Sieht gleich schon ganz anders aus, aber diese vielschichtigen Entscheidungen, was wirklich wichtig ist, machen Hunger und statt die Küche aufzuräumen (Punkt 17), verwüste ich sie bei einer neuen Kreation eines exotischen Currys noch ein wenig mehr (Punkt 46: „Kurkumaflecken vom Küchenboden entfernen“ auf die Liste setzen und Punkt 3: „Wohnung renovieren“ mit einer grelleren Farbe unterlegen). Gut, dass ich so früh aufgestanden bin, sonst würde ich ja überhaupt nichts erledigen können. So, schnell die neue Liste großformatig ausdrucken und an die Wohnungstür hängen, damit ich alle Aufgaben immer im Blick habe. Komisch, der Drucker druckt nicht (das wird Punkt 1: „neuen Toner kaufen“, damit verschieben sich alle anderen Punkte um einen Platz nach hinten, d.h. ich werde mal eben die Liste korrigieren). Ohne die nötigen Utensilien, kann ich ja nicht vorankommen. Ganz schlechte Arbeitsbedingungen. Also mache ich mich auf den Weg, um neue Farbe für den Drucker zu besorgen. Dabei komme ich zufällig an einem Laden mit Weihnachtsdekoration vorbei und erinnere mich, dass Weihnachten ja immer so plötzlich kommt und ich deshalb nie richtig vorbereitet bin. Das ist doch die Gelegenheit, schon mal Geschenkanhänger in Form von Plüschsternen mit den Namen der zu Beschenkenden zu suchen, wenn ich sowieso schon hier bin. Bringe die Verkäuferin an den Rand des Wahnsinns, da nirgends ein Plüschstern mit dem Namen Balthasar zu finden ist, obwohl der Name doch wohl kaum weihnachtlicher sein kann. Ganz schlechte Organisation in dem Laden. Ziehe nach anderthalb Stunden entrüstet mit 46 anders benannten Sternen und Tüten voll anderem Firlefanz ab. Wieder auf der Strasse bemerke ich, dass es um diese Jahreszeit immer früher dunkel wird. Kein Wunder, dass man an diesen kurzen Tagen nicht besonders viel erledigen kann, selbst das Tonergeschäft hat schon geschlossen. Wieder zu Hause setze ich schnell noch Punkt 48 auf die Liste: „passende Geschenke für die Geschenkanhängern kaufen“. Dann stelle ich den Wecker, damit ich morgen ganz früh aufstehe, um endlich alles erledigen zu können…
Desideria - 2007-11-07 15:57
1271
Hach, jetzt fragt schon mal ein Hochglanzmagazin an, ob sie eines meiner Fotos als Cover nehmen können und ich kann ihnen nicht antworten, weil meine Antwortmails nicht durchgehen, sondern leider wieder als Fehler zurückkommen. Ist wohl ein deutliches Zeichen, dass ich noch ein wenig auf meine 15 Minuten Berühmtheit warten muss. Dreck!
Desideria - 2007-11-05 14:47
860
Gestern Abend klopfte es an meine Türe und da ich unterm Dach wohne und die Haustüre normalerweise geschlossen ist, dachte ich, dass es nur mein neuer Nachbar sein könnte, dem z.B. der Reis ausgegangen wäre und öffnete, entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten, nach einem kurzen, prüfenden Blick in den Spiegel, die Wohnungstür. Doch in Augenhöhe war nichts zu sehen, erst als ich nach unten schaute, entdeckte ich den Schrei von Edvard Munch gleich zweimal: „Gib uns Süßes, sonst gibt's Saures!“ drohten mir die beiden Monster mit piepsenden Stimmen hinter den schaurigen Masken.
Blöde Situation! Auf so etwas war ich nicht vorbereitet. Ich habe eigentlich nie Süßes im Haus, höchstens Saures (und Reis in jeder Form und Farbe). Wie sollte ich mich jetzt nur freikaufen? Ratlos schaute ich den wartenden, stummen Schreien ins Gummigesicht. Geschenke?! Geschenke … da war doch noch etwas übrig von den süßen Geschenken aus Wien – nur wo?
„Wartet mal ein Moment!“ beschwichtigte ich die kleinen Monster, die mir erwartungsvoll und ungeduldig ihre Tüten entgegenstreckten, und rannte durch die Wohnung auf der Suche nach meiner Rettung. Da war sie, diese edle, wunderbare Schokolade, die mir aus fernen Ländern mitgebracht wurde. Erleichtert, mich doch noch freikaufen zu können, legte ich die Tafel in eine der Tüten.
Die beiden schwarzen Gestalten sahen mich verdutzt an, bis einer von ihnen das Schweigen brach: „Aber … aber die ist ja viel zu teuer! Wollen Sie die nicht lieber behalten?“
Natürlich will ich die lieber behalten, als sie an kleine, schwarze Gummimonster zu verfüttern, aber wie soll ich sonst aus der Nummer rauskommen, ohne mein Gesicht zu verlieren, bitte schön?!
„Nein, nein, die ist für euch. Lasst sie euch schmecken. Viel Spaß!“ log ich generös.
„Boahr! Toll! Danke!“ piepsten die Ungeheuer und rannten glücklich die Treppe runter, bevor ich es mir anders überlegen konnte.
Hallo Wien: Danke für meine Rettung und ´tschuldigung, aber es ging nicht anders …
Desideria - 2007-11-01 11:07
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Desideria - 2007-10-31 09:33
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